Politik

Schweizer Terrorjahre

Quelle – 21.01.2016

Terrorism. 1970. Amman, Jordan. Hi-jackers blew up three planes at Dawson's Field. The first was a Boeing 707 which can be seen exploding in the picture.

Der Höhepunkt der Terrorjahre: In der jordanischen Wüste sprengt ein palästinensisches Kommando drei entführte Flugzeuge. Foto: Popperfoto (Getty Images)

Nach Anschlägen palästinensischer Freischärler in den Siebzigern blieb die Schweiz vom Terror weitgehend verschont. Dazu trug ein Geheimabkommen bei.

Es war eine attraktive Palästinenserin, die den Terror in die Schweiz trug. Die 22-jährige Amena Dahbor führte das vierköpfige Kommando an, das am 18. Februar 1969 in Kloten einen Überfall auf eine Passagiermaschine der israelischen Gesellschaft El Al verübte. Während das Flugzeug auf die Startbahn zurollte, eröffneten die Attentäter das Feuer. 62 Einschusslöcher zählten die Ermittler später. Der Pilot erlitt einen tödlichen Milzdurchschuss. Dann verlief der Überfall aber nicht mehr nach Plan. Im Flugzeug sass ein israelischer Geheimdienstmann, der ins Cockpit stürmte und zurückfeuerte. Dann setzte er den Attentätern via Notrutsche nach. Er schoss auf einen von Dahbors Komplizen, der dann am Pistenrand verblutete.

Zwei Jahre Terror

Das nur halb gelungene Attentat war für die Schweiz der Auftakt zu zwei Jahren des Terrors aus dem Nahen Osten. Dort wütete der blutige Kampf der Palästinenser gegen das als Unrechts- und Besetzerstaat empfundene Israel. Palästinensische Extremisten trugen die Gewalt in die ganze Welt.

Die Anschlagserie gipfelte im September 1970 in der Entführung von drei Passagierflugzeugen aus der Schweiz, den USA und Grossbritannien mit mehr als 300 Geiseln nach Jordanien. Noch während eine Gruppe von Schweizern in der Hand ihrer palästinensischen Entführer auf dem Wüstenflughafen von Zerqa zitterten, machte der damalige Schweizer Aussenminister Pierre Graber der palästinensischen Bewegung Avancen. Als Vermittler mittendrin: der Nationalrat und Entwicklungssoziologe mit besten Verbindungen in den Nahen Osten, Jean Ziegler. Das schreibt Marcel Gyr, Reporter der NZZ, in einem heute erscheinenden Buch.

Das brisante Ergebnis der Verhandlungen war ein Stillhalteabkommen, von dem nicht einmal die anderen Bundesräte wissen durften: Palästinenser wollten fortan auf Anschläge gegen die Schweiz verzichten. Gyrs sorgfältige Nachforschungen legen nahe, dass die Schweiz sich im Gegenzug für die politische Anerkennung der palästinensischen Sache einsetzte. Die Schweiz – oder vielmehr Graber persönlich – setzte sich über klare Abmachungen mit den anderen beteiligten Staaten hinweg. Staatsrechtlich mindestens so problematisch war, dass die Schweiz die strafrechtliche Verfolgung palästinensischer Attentäter aus Staatsräson unter den Teppich kehrte. Gyrs Recherchen lassen kaum einen anderen Schluss zu.

Das betraf vor allem den Bombenanschlag auf ein Swissair-Flugzeug bei Würenlingen mit 47 Toten. Deren Hinterbliebene und den damals zuständigen Untersuchungsrichter quält bis in diese Tage die Frage, wieso die Ermittlungen im Fall Würenlingen sang- und klanglos eingestellt wurden. Und das, obwohl ein dringend der Tat Verdächtigter öffentlich namentlich bekannt war.

Warten auf die Rache

Nach dem Terrorakt in Kloten aber funktionierte die Strafverfolgung im Kanton Zürich noch tadellos. Amena Dahbor und ihre überlebenden Komplizen wurden festgesetzt, ebenfalls der israelische Geheimdienstler. Die Ermittlungen des Bülacher Untersuchungsrichters Robert Akeret führten zum Gerichtsverfahren, das aus Sicherheitsgründen in Winterthur durchgeführt wurde. Im Dezember 1969 endete der Prozess mit der Verurteilung der drei überlebenden Palästinenser wegen Totschlags zu zwölf Jahren Zuchthaus.

In der aufgeladenen Stimmung war den Behörden bewusst, dass die palästinensischen Freischärler bald wieder zuschlagen könnten. Weniger als drei Monate nach dem Urteil war es so weit. Im Februar 1970 stürzte über dem aargauischen Würenlingen eine in Richtung Tel Aviv gestartete Coronado der Swissair ab. An der Absturzstelle fanden die Rettungsleute nur winzigste Trümmer. Die aufgefundenen Leichenteile wurden wahllos auf 47 Särge verteilt. Als Absturzursache stellte sich eine Paketbombe heraus, deren Zünder von einem Höhenmesser ausgelöst wurde.

Aufgrund seiner Erfahrungen mit dem Anschlag in Kloten wurde wiederum Bezirksanwalt Robert Akeret mit der Untersuchung betraut. Als mutmasslichen Täter eruierte er den palästinensischen Terroristen Sufian Kaddoumi. Für Akeret besteht auch heute kein Zweifel, dass Kaddoumi das Paket mit der Bombe auf der Poststelle München 2 aufgegeben hatte: «Er muss es gewesen sein.» Im Dezember 1970 fuhr Akeret nach Bern, um seinen Untersuchungsbericht persönlich zu übergeben. Er rechnete felsenfest damit, dass die Bundesanwaltschaft aufgrund der Akten gegen Kaddoumi und seine Hintermänner bald Anklage erheben würde.

Aber dazu kam es nie. Die Spuren der Untersuchung verlieren sich in den Archiven von Bundesbern. Zwar wurde Kaddoumi auch in der Öffentlichkeit als Hauptverdächtiger gehandelt. Einem Schweizer Journalisten gelang es Jahre später, ihn in Jordanien zu interviewen, bevor er unter nie völlig geklärten Umständen verschwand oder starb. Bern aber blieb untätig. Selbst als Carla Del Ponte, 1995 neu im Amt als Bundesanwältin, den eigentlich verjährten Fall mithilfe eines juristischen Tricks wieder aufrollte, passierte nichts. Das Dossier wurde im Jahr 2000 wieder stillschweigend geschlossen. Del Ponte will sich heute an die Hintergründe nicht mehr erinnern können.

Gründe für die Untätigkeit

Über die Gründe für die Untätigkeit wurde viel spekuliert. Marcel Gyr liefert in seinem Buch nun als Erster eine umfassende und plausible Erklärung, warum der «Mord in 47 Fällen» bis heute ungesühnt blieb.

Die Schlüsselrolle spielten zwei sehr gegensätzliche Charaktere. Beide waren zwar Sozialdemokraten, hegten aber grundverschiedene Überzeugungen und verfolgten konträre Karrieren. Pierre Graber wurde 1970 nach Ämtern als Stadtpräsident von Lausanne, Waadtländer Staatsrat und Nationalrat mit 61 Jahren schliesslich Bundesrat. Neben dem Staatsmann Graber war der damals 37-jährige Jean Ziegler der junge Wilde. An seinem Institut in Genf pflegte er Beziehungen zu Befreiungsbewegungen in der ganzen Welt. Im Nationalrat sass er seit 1967 und gehörte dem linken Parteiflügel an. In der Schweiz umstritten, entwickelte sich Ziegler zum international gefeierten Intellektuellen.

Zur Annäherung der beiden kam es während der grössten Staatskrise der Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Entführung der drei Passagiermaschinen in die jordanische Wüste im September 1970 löste Konfusion und Schrecken aus, die sich mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in Amerika vergleichen lassen. Der Bundesrat tagte in Vollbesetzung praktisch Tag und Nacht. Er koordinierte auch die Verhandlungsposition der beteiligten Länder – neben der Schweiz die USA, Grossbritannien und Deutschland. Unter den Staatschefs war man sich einig, dass nur eine gemeinsame Front sinnvoll war. Den Versuchungen der Terroristen, die Länder auseinanderzudividieren, sollte unter allen Umständen widerstanden werden. Als Aussenminister war Graber die führende Figur im Bundesrat. Er folgte offiziell ganz dieser Linie. Sein Krisenmanagement trug ihm den bis heute nachwirkenden Ruf ein, «umsichtig» und mit «Realitätssinn» gehandelt zu haben.

Jean Ziegler erinnert sich

Jean Ziegler ist heute 81 Jahre alt. Er sprach bei den Recherchen zu dem Buch zum ersten Mal öffentlich über die damaligen Geschehnisse. Graber kam in dieser hektischen Zeit während einer Fraktionssitzung diskret auf Ziegler zu. Der Aussenminister wusste wahrscheinlich, dass der Soziologe kurz zuvor in einem «Weltwoche»-Artikel die «diskrete Entlassung» der palästinensischen Terroristen von Kloten gefordert hatte, damit die Schweiz keine «Angriffsfläche» biete. Ziegler fühlte sich geehrt, von Graber eingespannt zu werden. Seine Rolle möchte er mehr als «Briefträger» denn als «Vermittler» verstanden wissen. Das Ergebnis von Grabers Intervention war jedenfalls, dass der Aussenbeauftragte der Befreiungsbewegung PLO auf dem Weg nach Paris einen Zwischenstopp machte.

Unter dem Dach der PLO hatten sich die verschiedensten palästinensischen Widerstandsgruppen zusammengefunden. Sowohl solche, die ihre Ziele mit friedlichen Mitteln verfolgten, als auch Terrorkommandos. Bei dem Aussenbeauftragten der PLO handelte es sich um Farouk Kaddoumi. Der distinguierte Diplomat ist mindestens ein naher Verwandter, wenn nicht sogar ein Bruder des mutmasslichen Würenlingen-Attentäters Sufian Kaddoumi. Die beiden sind im selben Dorf aufgewachsen. Und ausgerechnet mit diesem Mann verhandelte Graber. Buchautor Gyr zeigt auf, dass sich der damalige Bundesanwalt und der Geheimdienstchef mit Kaddoumi trafen. Wahrscheinlich ist, dass sogar Graber persönlich dem Palästinenser seine Aufwartung machte.

Das Fazit der Recherche: Historiker sollen die Vorgänge aufarbeiten.

Marcel Gyr hat alles unternommen, um mehr über die Geheimabsprache zu erfahren. Er machte den heute 84-jährigen Farouk Kaddoumi in Tunis ausfindig und interviewte ihn. Er sprach mit den wenigen noch lebenden Beteiligten in der Schweiz. Er sichtete alle zugänglichen Akten (und auch manche eigentlich unzugänglichen). Einen Beweis oder gar ein Schriftstück kann Gyr in seinem fakten- und temporeichen, dichten und spannenden Buch nicht liefern. Aber die Indizien sind erdrückend.

Nach der Freilassung der Klotener Attentäter im Austausch für die Geiseln in Jordanien (in Absprache mit allen zuständigen Stellen) wurde die Beziehung zur palästinensischen Befreiungsbewegung merkwürdig entspannt. Der stillschweigende Verzicht auf die weitere Strafverfolgung war das eine. Das andere waren die Bemühungen, dem politischen Arm der Bewegung Zugang zum internationalen Parkett zu verschaffen. Noch nach dem Rücktritt Grabers 1978 musste sich sein Nachfolger ­Pierre Aubert mit aus seiner Sicht unziemlichen Wünschen Farouk Kaddoumis herumschlagen. Umgekehrt dauerte der palästinensische Terror zwar weiter an – zum Beispiel mit der Ermordung israelischer Sportler an der Olympiade 1972 in München. Die Schweiz oder Schweizer waren aber nie mehr ein Ziel.

Als Fazit seiner Recherche fordert Marcel Gyr, dass der Bundesrat eine Historikerkommission einsetzt. Ihr soll er lückenlosen Zugang zu den Akten gewähren. Das Ziel: ein umfassendes Bild aller Vorgänge, samt einer Einordnung und Bewertung der Akteure. Diese Aufarbeitung sei die Schweiz den Opfern und ihren Nachkommen schuldig. (Tages-Anzeiger)

 

Kategorien:Politik, Terror