Gesellschaft

Die Rückkehr der Gewalt

Quelle – 12.05.2015

Einwanderung

Die Rückkehr der Gewalt in den Alltag

Die Debatte über den Zusammenhang zwischen massenhafter Einwanderung junger muslimisch sozialisierter Männer und steigender Gewalt zeigt in den westeuropäischen Ländern in der Regel dasselbe Muster. In den Augen der meisten Migrationsexperten ist für die Gewalt Armut, Bildungsferne und die tägliche Diskriminierung verantwortlich – wenn sie nicht einfach geleugnet oder relativiert wird. Die deutsche Diskussion ist vielleicht nur durch ein besonders hohes Maß von Realitätsferne, und der geradezu hysterischen Angst „Vorurteile“ zu schüren, gekennzeichnet. Nach den Ereignissen in Köln ist es aber zumindest ein wenig schwieriger geworden, kritische Fragen in die rassistische Ecke zu verbannen.

Der marxistische Erziehungswissenschaftler Hartmut Kraus kommt in einem Aufsatz zu Spätkapitalistische Gesellschaft und orthodoxer Islam zu dem, für viele Linke wohl inakzeptablen Schluss, dass das individuelle Scheitern vieler Muslime in Deutschland wenig mit der Benachteiligung durch die Mehrheitsgesellschaft, als viel mit der Sozialisation im eigenen Herkunftsmilieu, in der Gewalt vielfach als legitimes Mittel gilt, zu tun hat:

Letztendlich verkörpert die traditionalistisch-islamische Familie mit ihrer religiös übersteigerten und umgeformten Ehren- und Pflichtmoral eine kulturspezifische Variante des autoritären Spießbürgertums, wie es für den deutschen Entwicklungskontext treffend von Wilhelm Reich sowie von Max Horkheimer, Erich Fromm und Herbert Marcuse beschrieben worden ist. Dabei erweist sich die patriarchalische Familie als Keimzelle einer totalitären Herrschaftsordnung sowie als Reproduktionsstätte nach innen unterwerfungsbereiter und nach außen aggressionsbereiter Subjektivität.

Ähnlich wie der Marxist Krauss sieht auch der dänische Psychologe Nicolai Sennels die Hauptursache für eine mangelnde Integration von Teilen der Zuwanderer in der muslimischen Kultur selbst. In Dänemark gelten seit ein paar Jahren, nach einer Phase des naiven Multikulturalismus und einer zunehmenden Gewaltproblematik mit muslimischen Migranten, heute verschärfte Einwanderungs- und Integrationsregeln. Auch dürfen, anders als in Deutschland, Statistiken über die Kriminalitätsraten nach ethnischer/religiöser Herkunft öffentlich diskutiert werden.

So belegen die ersten sieben der acht Plätze auf einer Liste von Straftätern Migranten aus muslimischen Ländern. In anderen westlichen Staaten ist das sicher nicht wesentlich anders, auch wenn alles versucht wird, solche Tatsachen zu verschweigen, zu relativieren, seine Verkünder zu diskreditieren oder die Fakten und die tägliche Erfahrung statistisch kleinzurechnen. Das sagt nichts über den einzelnen muslimischen Migranten aus, erlaubt und fordert es aber sogar, Fragen nach den Gründen für diese auffallende Häufung zu stellen.

Vollkommen unterschiedliche psychologisches Profile

Nicolai Sennels hatte als Gefängnispsychologe die Gelegenheit, mit jungen männlichen Straftätern, zu 70 Prozent muslimischer Herkunft, in Kopenhagen zu arbeiten, wobei er ganz unterschiedliche Konzepte der psychischen Disposition seiner Klientel beobachtete. Worauf begründet sich, so seine Ausgangsfrage, die außerordentliche Kriminalitätsrate von jungen Muslimen, insbesondere bei Rohheits-, Sexualitäts- und Gewaltdelikten? Sind dafür, wenn die Tatsachen nicht schlichtweg bestritten werden, die soziale Lage, die Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft, verantwortlich?

Für Sennels, der unzählige Therapien mit dänischen als auch mit muslimischen jugendlichen Straftätern durchführte, ergab sich ein vollkommen unterschiedliches psychologisches Profil der beiden Gruppen. Diese Differenzen sind für ihn verantwortlich für die massiven Integrationsprobleme von Muslimen in den europäischen, säkularisierten Gesellschaften. Einer der zentralen Punkte ist dabei das Verhältnis zu Wut und Aggression. Wird im Westen Wut allgemein als ein Zeichen der Schwäche, dem Fehlen von Kontrolle und einer individuellen Unbeherrschtheit betrachtet, wird Aggression von der muslimischen Community akzeptiert und oft auch als erwartetes Verhalten von Männern in Konflikten angesehen. Nicht zu reagieren, wird als Zeichen von Schwäche interpretiert, als Verlust der Fähigkeit, seine eigene Ehre und die seiner Familie oder Gruppe zu verteidigen. Der Besonnene und Abwägende verwandelt sich also im Bild der Familie oder des Clans in jemanden, dem man nicht mehr bedingungslos vertrauen kann. Es gibt nur das Wir oder die Anderen, die manichäische Logik tribalistischer Ordnungen. Welche Loyalitätskonflikte sich hier für Heranwachsende ergeben, muss nicht ausgeführt werden.

Selbstkritik ist ein westliches Modell

Während in der westlichen Welt eine Vielzahl von Therapeuten und Selbsthilfebüchern auf das Innenleben der Individuen zielen und darauf, dass wir es selbst sind, die unser Leben durch Reflexion und Einsicht verändern können, sind solche Sichtweisen in der muslimischen Kultur kaum vorhanden. Selbstkritik ist ein westliches Modell. In der arabisch-islamischen Welt sind klare Hierarchien, überlieferte familiäre Traditionen und religiöse Regeln dominant. Was der englische Publizist David Pryce-Jones in seinem Buch The Closed Circle. An Interpretation oft the Arabs auf der gesellschaftlichen Ebene als eine verhängnisvolle Tendenz islamischer Länder zu Verschwörungstheorien und der Verlagerung der Schuld auf andere beschreibt, gilt auch für innerpsychische Dramen und Konflikte. In der Regel wird das Problem des Versagens nicht in der Erziehung oder dem eigenen Verhalten gesehen, sondern nach Gründen außerhalb seiner selbst gesucht. Mit dieser Denkweise generiert man sich stets als Opfer fremder Mächte, eine Sichtweise die durch den stereotypen Diskurs der Diskriminierung ständig bestätigt wird.

Das Konzept der Ehre

Im Mittelpunkt traditioneller muslimischer Gemeinschaften steht das Konzept der Ehre, das von den männlichen Familienmitgliedern verlangt, regelwidriges Verhalten – insbesondere von Frauen – zu sanktionieren. Das Ansehen der Familie innerhalb der eigenen Community hängt im Wesentlichen davon ab, ob die Männer die Ehre (und d. h. vor allem die Jungfräulichkeit der Frauen) verteidigen können. Die Angst, dass die Frauen verwestlichen und gegen die vorgeschrieben Sexualmoral verstoßen – auch wenn sich das wahrscheinlich weniger aus dem Islam, sondern mehr aus einer patriarchal geprägten Stammeskultur ableitet – steht im Mittelpunkt „präventiver“ Maßnahmen. Am negativen Pol der Ehre steht die Schande, d.h. der Verlust an Ansehen und Ehre, sozusagen der soziale Tod. Das dahinter liegende Bild des starken und potenten Mannes scheint grundlegend für die gehäufte Gewalttätigkeit von Migranten mit muslimischem, patriarchal-traditionalistischem Sozialisationshintergrund zu sein.

Die Angst als unmännlich zu gelten, die Männlichkeit abgesprochen zu bekommen, bleibt eine virulente Gefahr, und kann zu aggressiver Ausübung von Dominanz, etwa gegenüber Frauen, Ungläubigen oder auch zufälligen Opfern, führen. Die ständige Kontrolle der Schwestern durch die eigenen Brüder verhindert darüber hinaus die mit dem westlichen Lebensmodell korrespondierende Selbstbestimmung von Frauen. Im Extremfall bis zum innerfamiliär beschlossenen Mord an weiblichen „Abtrünnigen.“ Bei allen diesen Taten (Ehrenmorde, Gewalttaten, sexuelle Übergriffe) gibt es, implizit wie auch explizit, stets eine mehr oder weniger breite Zustimmung aus Teilen der muslimischen Gemeinschaft, insbesondere von jungen Männern die im Name der Ehre selbst Mördern applaudieren (man sehe sich nur einmal die Facebook-Einträge nach solchen Taten an).

Auf Reue oder Einsicht, grundlegende Prinzipien einer modernen Rechtsprechung, kann die Justiz bei diesem Typus von Tätern in der Regel nicht hoffen. Als ein afghanischer Asylbewerber in meiner ehemaligen Heimatstadt Innsbruck seine von ihm getrennt lebende Frau auf offener Straße mit 14 Messerstichen vor den Augen des gemeinsamen Kindes ermordete, gab er der ihn untersuchenden Psychiaterin zu Protokoll: „Sie hat den Tod verdient. Ihr Vergehen ist das schlimmere als das meine!“ Vor Gericht gab er sich schließlich als Unwissenden aus: „Wenn ich das alles nur geahnt hätte, hätte ich sie nicht in Österreich umgebracht, aber ich kenne hier eben weder Sprache noch Gesetze. In Afghanistan wäre ich dafür straffrei geblieben.“ Dort, so seine Gewissheit, wäre seine Frau auch gerechterweise gesteinigt worden. Dieser Fall ist nur ein Beispiel von vielen, welches zeigt, dass unsere herkömmlichen Vorstellungen von Schuld und Reue innerhalb eines Kulturkreises, der vollkommen anderen Normen und Werten folgt, keine Bedeutung besitzt.

Problematisch Männlichkeitsnormen sind weit verbreitet

Wie sehr die tägliche Realität auch ausgeblendet wird, auf Dauer wird man nicht um die Tatsache herumkommen, dass gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen in bestimmten Einwanderermilieus weit verbreitet sind (Warum genau diese Form der Einwanderung, hier nur nebenbei angemerkt, von sog. „Linken“ hofiert wird, bleibt ein Rätsel und muss mit psychologischen Mustern erklärt werden;(Siehe auch diesen Beitrag von mir auf der Achgut.com).

Kollektivistische Gemeinschaften, die um Familie, Sippe und Clans zentriert sind haben, das zeigen alle historischen Analysen, immer ein höheres Gewaltpotenzial als individualistische Gesellschaften. Norbert Elias oder der französische Soziologe Emil Durkheim haben in ihren Arbeiten gezeigt, dass mit der im westlichen Kulturkreis funktionalen Differenzierung der Gesellschaft, der fortschreitenden Arbeitsteilung und der Zunahme von Affektzwang und Selbstregulierung, die Gruppenbindungen schwächer werden. Das Individuum gewinnt Distanz von Familie und Sippe, Ich und Wir sind nicht mehr identisch. Einzelne Normverletzungen innerhalb der Gruppe sind keine persönliche Angelegenheit mehr, die Ehre wird nicht mehr über einen Gruppencode hergestellt, der Rache oder Sühne bei Abweichungen von moralischen Normen beinhaltet. Gewalt wird mehr und mehr geächtet, Aggression als Schwäche gesehen.

Es braucht keine detaillierte soziologische Expertise, um zum Schluss zu kommen, dass etwa Migranten aus kollektivistischen, zutiefst verrohten und korrupten Staaten wie Afghanistan, Syrien, Marokko, Algerien oder dem Irak eine Gefahr für unsere Gesellschaft sein können, insbesondere da sie auf eine Justiz und eine Polizei treffen die auf die gewaltsame Auseinandersetzungen innerhalb ethnischer und religiöser Gruppen nicht vorbereitet ist. Nimmt man noch die enttäuschten Erwartungen hinzu, das Ausharren in Massenunterkünften, das Fehlen einer Leistungs- und Arbeitskultur, Voraussetzungen um in der westlich-säkularen Gesellschaft zu reüssieren, Sprachbarrieren und religiöse Dogmen, so ist es keine gewagte Prognose – und bereits täglich Realität – dass in deutschen und westeuropäischen Städten in Zukunft gewalttätige Formen der „Konfliktlösung“ immer öfter der Fall sein werden. Darin zeigt sich, wie Siegfried Kohlhammer in einem lesenswerten Aufsatz zu „kulturellen Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolgs“ anmerkt, ein allgemeines Problem:

„Das Wohl der Familie und der Nutzen für die Familie sind die obersten Werte, denen sich alle anderen gesellschaftlichen Werte, Gesetze und Regeln unterzuordnen haben. Das fördert Nepotismus, Korruption und generell die Missachtung der meritokratischen Prinzipien und der egalitären Gesetze, wie sie die Mehrheitsgesellschaft vertritt. Die Gesetze und die Polizei des Aufnahmelandes werden nicht als gemeinsamer Schutz aller gesehen, sondern als Eingriffe und Übergriffe von außen.“

Was kann eine pazifistische und individualisierte Gesellschaft entgegen setzen?

Was aber kann, so die Frage an alle politisch Denkenden, denen Tabus nichts bedeuten, eine zutiefst pazifistische und individualisierte Gesellschaft wie die unsere dagegen setzen? Die vorhandenen Antworten sind bis dato immer dieselben: Dialog, Sprachkurse, Vermittlung des Grundgesetzes, Integrationsleistungen, Willkommenskultur, Verhaltenskodizes, manchmal auch Forderungen nach einer strengeren Vorgehensweise von Polizei und Justiz. Insbesondere erstere muss aber permanent die Erfahrung extremer Gewaltbereitschaft von muslimischen Zuwanderergruppen machen ohne auf eine breite gesellschaftliche Unterstützung vertrauen zu können.

Die schlichte Tatsache, dass sich die gesellschaftlich bedeutsame Kohorte junger Männer durch die ungeregelte (muslimische) Einwanderung drastisch verschoben hat – und dadurch auch das Geschlechterverhältnis – ist noch viel zu wenig thematisiert. Man will davon nichts wissen und hofft darauf, nicht davon betroffen zu sein. Aber ob wir es wollen oder nicht, unsere Gesellschaft und wir selbst werden von dieser Form der Zuwanderung umgestaltet. Das wird bereits deutlich im sich wandelnden Parteienspektrum, in privaten Verwerfungen, gesellschaftlichen Polarisierungen, im Meiden von öffentlichen Räumen, der Zunahme von Waffenscheinen und Sicherheitstechnik, der steigenden Angst um die eigenen Kinder etc. Anders als für Katrin Göring-Eckardt: „Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!“, hält sich die Vorfreude auf die kommenden Änderungen für die meisten der hier Lebenden aber wohl in Grenzen.

Literatur zum Thema:

  • Kohlhammer, Siegfried (2011): Islam und Toleranz: Von angenehmen Märchen und unangenehmen Tatsachen. Essays, Klampen-Verlag
  • Krauss, Hartmut (2010): Feindbild Islamkritik: Wenn die Grenzen zur Verzerrung und Diffamierung überschritten werden, Hintergrund-Verlag
  • Pryce-Jones, David (1989): The Closed Circle: An Interpretation of the Arabs, Ivan R. Dee Publisher

Dr. Alexander Meschnig ist Psychologe, Politikwissenschafter und Publizist. Er lebt seit Anfang der 90er Jahre in Berlin.