Gesellschaft

Deutschland verflüchtigt sich

Quelle – 01.06.2016

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(Foto: DPA)

Die Wehrlosigkeit angesichts des Migrantenansturms hat Deutschland erschüttert. Ein ideologischer Riss geht quer durch die Gesellschaft. Es bräuchte ein starkes «Wir», um all jene willkommen zu heissen, die sich das Land zu assimilieren zutraut.

Die Suspendierung der deutschen Asylgesetzgebung durch die Bundesregierung unter Angela Merkel, die das Land in den vergangenen Monaten immer tiefer in den rechtlichen Ausnahmezustand taumeln liess, sorgte auch emotional für Ausnahmezustände. Während die ­einen in ein regelrechtes Willkommensdeli­rium verfielen und die Ankömmlinge an den Bahnhöfen mit Jubelchören und leuchtenden Augen empfingen, als seien diese Erlöser oder mindestens Popstars, erwachten die anderen ­jeden Morgen neu in demselben schauerlichen Albtraum: Auch heute wieder überschreiten Tausende kulturfremde, hauptsächlich männliche, hauptsächlich muslimische Migranten ­illegal die deutsche Grenze, auch heute wieder wird Deutschland um ein syrisches Dorf, eine irakische Kleinstadt bereichert, für die die Infra­struktur erst noch zu schaffen ist. Wer glaubt, der Spuk sei inzwischen vorüber, hat die vielen Hunderttausende erfolgreich verdrängt, die sich im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika bereits zur nächsten grossen Migrationswelle ansammeln.

«Echtes Leben! Echte Sorgen! Echte Nöte!»

Die Erschütterung der psychomentalen Verfassung Deutschlands durch die Flüchtlingskrise, die eigentlich eine durch ungeregelte Massenimmigration ausgelöste Staatskrise ist, hat Richard David Precht in der Zeit (Nr. 1/16) in das Bild eines «kleinen Fensters» zu fassen versucht, das sich «in unserer bewusstseinsver­engten Lebensmatrix geöffnet» habe. Durch dieses Fenster scheine ein «kleines Stückchen blanker Realität» zu uns herein: «Echtes Leben! Echte Sorgen! Echte Nöte! Echte Träume! Echte Hoffnungen!» Precht findet das «grossartig». Dem linksliberalen Justemilieu, dessen exemplarische Stimme er ist, hat er damit zweifels­ohne ein treffendes Zeugnis ausgestellt.

Im Luxustreibhaus der westlichen Wohlstandsgesellschaften hat sich in langen Friedensjahrzehnten eine kulturelle Atmosphäre der Unwirklichkeit, der wattigen Abgeschnittenheit vom «echten Leben» ausgebreitet. Die grossstädtische (Pop-)Kultur mit ihren auto­reflexiven Retromoden und ihrem totalen Mangel an Utopie und Zukunft sowie die zunehmende Virtualisierung der sozialen Beziehungen im Zuge der digitalen Revolution ­haben für ein überall präsentes Käseglockengefühl gesorgt. Wenn an die deutsche Käse­glocke nun Menschen lautstark klopfen, die von der rauen Atmosphäre des täglichen Überlebenskampfes umwittert sind, so erscheint das vielen von uns Abgeschirmten und Verschonten begrüssenswert, weil es unsere grösste Not, die «Not der Notlosigkeit», zu lindern verspricht. Vor allem aber stellt es eine der höchsten Befriedigungen in Aussicht, die auch postchristliche Seelen noch zu erquicken vermag: anderen Gutes zu tun und damit eigene Schuld abzutragen.

Im Kern ist Prechts Bild vom sich öffnenden Fenster freilich selbst noch Symptom der illusionären Bewusstseinsblase, aus der es uns ­befreien will. Was er nämlich durch das Fenster erblickt – «bunte Gesellen, vom Sturmwind verweht, Glückssucher mit Plastiktüten, Kopftüchern und Kunstlederjacken» –, ist so offenkundig ein Klischee aus dem kollektiven Imaginären des Multikulturalismus, dass sich sein Fenster als ein an die Innenseite der Käseglocke gemaltes Bild entpuppt. Sein vermeintlicher Blick ins Freie zeigt eine schöngefärbte Projektion, die die echte Begegnung mit dem Fremden gerade verhindert, ihn also gerade nicht «respektiert». Den Träger archaischer kultureller Regeln, die die Frau dem Mann, die säkulare Demokratie dem religiösen Gesetz unterordnen, gibt dieses Fenster nicht zur Ansicht frei – geschweige denn den Vergewaltiger, den Mörder oder den Terroristen.

Der Einbruch des Realen in die Welt der Trugbilder ist stets trau­matisch. In Friedenszeiten gibt der «Kulturschock» eine Vorstellung davon, was den zivilisierten Westler erfasst, wenn er zum ersten Mal afrikanischen oder asiatischen Boden betritt. Die Kölner Silvesternacht 2015/16 war ein Vorgeschmack auf das neue Phänomen des «Kulturschocks im ­eigenen Land», der uns in wachsenden Wellen in den kommenden Monaten und Jahren erfassen wird. Wer dazu Angela Merkel als irre Psychiaterin imaginieren will, die ihrem Patienten – dem deutschen Volk, das sich tumberweise in ihre Obhut begeben hat – mit stierem Blick immer stärkere Stromstösse verpasst, dabei mit monotoner Stimme Beschwichtigungsformeln und Durchhalteparolen murmelnd, nimmt Tuchfühlung mit dem Lebensgefühl auf, das sich im Merkel-kritischen Teil Deutschlands immer weiter ausbreitet.

Die fast völlige Wehrlosigkeit Deutschlands angesichts des Migrantenansturms hat ohne Zweifel mit der Besessenheit des Landes von den berüchtigten «zwölf Jahren» seiner Vergangenheit zu tun. Je weiter diese zurückliegen, desto mehr verwandeln sich die nationalen Debatten in Gespensterkämpfe, in denen die Kontrahenten sich gegenseitig auf Zeichen und Omen – das imaginäre Schnauzbärtchen – hin belauern, die den alten Nazidämon verraten könnten. Es ist kein Zufall, dass im Herbst 2015, als die «Flüchtlingskrise» ihren ersten Höhepunkt erreichte, der wieder­gekehrte Führer auf deutschen Kinoleinwänden durch die Republik reiste und im Bewusstsein des faszinierten Publikums einen engen Zusammenhang zwischen «ihm», der «wieder da ist», und den momentanen politischen Ereignissen entstehen liess.

Umerziehung der Verstockten

Es ist diese Kontaminierung mit dem strahlenden psychopolitischen Material der Vergangenheit, die die deutsche «Willkommens­kultur» im Kern vergiftet, die für die quasireligiöse ­Inbrunst ihrer Anhänger wie für den tiefen Argwohn ihrer Gegner sorgt. Das Merkmal der «reinen Gabe», die «selbst­lose» oder doch mindestens freiwillige Ge­nerosität, die jeder echten Willkommensgeste eigen ist, geht dem zivilreligiösen Willkommenskult weitestgehend ab. Zu offenkundig dient er der natio­nalen Selbsttherapie einschliesslich der bevormundenden Umerziehung der Verstockten im eigenen Volk. Ironischerweise werden die Deutschen ausgerechnet in dem Versuch, sich von den Sünden der Vergangenheit durch die «gute Tat» schranken­loser Aufnahme von Fremden reinzuwaschen, von Verhaltensmustern der eigenen schlechten Vergangenheit eingeholt. Der «moralische Imperialismus», der Deutschland von den osteuropäischen Nachbarn ob seiner versuchten Willkommensdiktatur zum Vorwurf gemacht wird, ist nichts anderes als die alte deutsche Grossmannssucht und Überheblichkeit, nur diesmal unter dem Banner des «Guten».

Der vom Nazitrauma herrührende Schuldkult reicht freilich nicht aus, die kapitulationsartige Einwilligung in das vermeint­liche Schicksal zu erklären. Hier muss eine ­anthropologische Tiefenschicht der Psyche berührt worden sein. Die eigentliche Wucht der Ereignisse vom 11. September 2001 lag für den französischen Philosophen Jean Baudrillard nicht im realen Zusammenbruch der Twin ­Towers, sondern in der archaischen Opfer­logik der Terroristen, die den Westen mit der symbolischen Gabe des eigenen ­Lebens herausforderten. Diese konnte er nicht erwidern, ­ohne sich selbst zu zerstören, da sein ganzes Wesen auf dem Prinzip «null ­Tote» aufgebaut ist. Erleben wir heute nicht Ähn­liches angesichts der dem Tod im Mittelmeer entronnenen Migranten, die zwar ihr Leben gerettet haben, die aber – im Gegensatz zu uns – bereit waren, es zu opfern, und die uns jetzt ihr nacktes Leben «vorwurfsvoll» vor die ­Füsse werfen? Keine milliardenschweren Hilfsprogramme, keine noch so zahlreichen Sozial­wohnbauten, keine noch so selbstlosen Integrationsangebote werden jemals ausreichend sein, die unendliche Schuld zu kompensieren, in der wir ihnen gegenüber unbewusst stehen. Im symbolischen Tausch mit dem Tod werden alle irdischen Güter als zu leicht befunden.

Herr-Knecht-Verhältnis

Nach Hegels berühmter Dialektik von Herr und Knecht hat der Herr dem Tod ins Antlitz geschaut und ihm standgehalten, während der Knecht zum Knecht wurde, weil er das unter­tänige Leben dem heroischen Tod vorgezogen hat. In Verbindung mit Baudrillards Analyse wird so erklärlich, warum die Einheimischen, obgleich in objektiv privilegierter, «herrischer» Lage, zu paradoxen Knechten der Fremden werden konnten und ihr gesamtes Sinnen und Trachten groteskerweise um diese herum zu organisieren beginnen. Der deutschen Willkommenskultur liegt in sarkastischer Brechung das Herr-Knecht-Verhältnis zugrunde, was ihren psychischen Zwangscharakter und ihre Fas­sadenmoral vollends deutlich macht.

Wer bis hierher unerschrocken gefolgt ist, wird vielleicht auch noch bereit sein zu der ­unangenehmen Einsicht, dass nichts naiver – und in den Konsequenzen gefährlicher – ist als die beliebte Beschwichtigungsformel, der islamistische Terrorismus in Europa habe mit der Flüchtlingswelle nichts zu tun. Nicht nur sind einige der Terroristen nachweislich in deren Schatten nach Europa gelangt. Im kollektiven Unbewussten des Westens sind die islamistischen Selbstmordattentate von der «Gestalt des Migranten» gar nicht zu trennen, da sie nur den symbolischen Tod in punktuellen Ausschlägen brutal ins Reale übersetzen, von dem unser inneres Bild der «Flüchtlinge» im Ganzen imprägniert ist. Sosehr der vorwitzige Verstand es auch leugnet, unterschwellig werden diese Gewalttaten als die kruden Zuspitzungen jener diffusen Gewalt erfahren, die in der ungebetenen Masseneinwanderung als solcher liegt.

Eine Krise bezeichnet in der Medizin die Phase dramatischer Zuspitzung der Krankheitssymptome, auf die entweder die Genesung oder der Tod des Patienten folgt. Die «Flüchtlingskrise» verdient ihren Namen voll und ganz, denn sie fordert den betroffenen Patienten, der ohne übertriebenes Pathos «das deutsche Volk» genannt werden kann, in einer Weise existenziell heraus, wie es sonst nur in Kriegszeiten vorkommt. Ja, diese Krise hat «das Volk», das sich in den Komplexitäten der posthistorischen «Weltgesellschaft» schon beinahe verflüchtigt zu haben schien, wieder als historische Schicksals­gemeinschaft in Erinnerung gerufen. Angesichts ihrer Bedrohung wird deutlich: Die Nation verdankt ihre heutige Existenz dem Umstand, dass ihre Angehörigen in der Vergangenheit etwas zu opfern bereit waren. Wenn nötig auch ihr Leben.

Sind mit diesem Einbruch älterer Schichten des Politischen die Komplexitäten der Weltgesellschaft nun einfach eingeebnet? Nein, es ist eine Komplexität neuen Typs aufgetreten, die mit gängigen soziologischen Mitteln nicht erfasst werden kann und die zu einer ungeahnten Repolitisierung der «Gesellschaft» führt. Das parteipolitische Agens dieser Repolitisierung, die Alternative für Deutschland (AfD), unterscheidet sich von allen anderen Parteien kategorisch dadurch, dass sie ganz aus der neuen Lage heraus denkt und handelt. Wenn die anderen sie vehement ablehnen, so im sicheren Instinkt, dass die AfD den stillschweigenden Konsens der alten Parteien aufgekündigt hat – nur ist das nicht, wie sie dem Volk und sich selbst vormachen, der «demokratische», sondern der «postpolitische» Konsens, der Streit und Debatte nur noch im Rahmen einer grundsätzlichen Alternativlosigkeit kannte und zuliess.

Das Zeitalter des ausgeschlossenen Ernstfalls, in dem diese Alternativlosigkeit einen Schein von Berechtigung erlangen konnte, ist mit der Öffnung der deutschen Grenzen durch Angela Merkel im August 2015 zu Ende gegangen. Verbunden mit den verantwortungslosen Einladungssignalen der Kanz­lerin an alle Migrationswilligen dieser Welt, bedeutete diese Grenzöffnung weit mehr als eine grund­gesetzwidrige Selbstermächtigung, wie sie der ehemalige Verfassungsrichter Michael Bertrams nannte. Vielmehr war sie eine tiefe Verletzung des «Seelenraumes» der Nation, die wie alle psychopolitischen Gebilde auf Dauer nicht ohne stabile Aussenhülle leben kann. Das gibt Angela Merkel entgegen ihrer bieder-nüchternen Erscheinung so etwas wie eine dämonische Grösse, macht es sie doch zur Katalysatorin jener notwendigen kulturellen Bewusstseins­erweiterung, die Precht durch ­einen dichten ideologischen Schleier hindurch anvisiert und die den geheimen geschichtlichen Sinn der «Flüchtlingskrise» ausmacht.

Soll sich Deutschland nicht selbst verflüchtigen, das heisst in kultureller, sozialer und schliesslich auch staatlicher Hinsicht jede Kontur verlieren, muss eine vertiefte Besinnung auf das «Wir» einsetzen, das diesem Staat und dieser Kultur zuallererst Form gibt und als ihr Träger fungiert. Derzeit sind es zwei ganz konträre Erfahrungen, die zur Quelle zweier sehr unterschiedlicher neuer Wir-Gefühle werden. Da sind deutschlandweit die Hunderttausende freiwillige Helfer in Flüchtlingseinrichtungen, die Merkels «Wir schaffen das» wörtlich nehmen und daraus neuen Lebenssinn saugen; und da ist die Erfahrung derer, die sich von diesen Einrichtungen wie von dem Handeln ihrer Mitbürger bedroht sehen, die «das» gar nicht schaffen wollen, sich in Bürgerinitiativen organisieren und gemeinsam auf der Strasse «Wir sind das Volk» skandieren.

Riss durch die Gesellschaft

Spätestens nach dem ersten grösseren islamistischen Terroranschlag in Deutschland drohen sich diese beiden Mentalitäten geradezu tragisch ineinander zu verhaken und sich gegenseitig die Schuld für die eskalierende Gewalt zuzuweisen. Ein wiedergefundenes starkes «Wir» wäre daran zu erkennen, dass es beide Gruppen umfasst und den ideologischen Riss, der gleich einer Wunde quer durch die deutsche Gesellschaft bis hinein in die Familien geht, wieder zu schliessen oder zumindest auf ein zivil lebbares Mass zu reduzieren vermag. Was die Menschen angeht, die von weither zu uns kommen, wäre dieses «Wir» selbstbewusst genug, all diejenigen zwanglos willkommen zu heissen, die es sich zu assimilieren zutraut, die weit grössere Zahl jener aber zurückzuweisen, die die Bereitschaft oder Fähigkeit zur Integration in ein modernes europäisches Land offenkundig nicht mitbringen.

Marc Jongen ist Philosoph und Vizevorsitzender
 der ­Alternative für Deutschland (AfD) 
in Baden-Württemberg.