Islam

Scharia: Die größte Schwierigkeit der Integration

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In islamischen Ländern ist die Vorstellung von der Einheit aus Recht und Religion sehr verbreitet. Im Westen wird strikt getrennt: Recht, Religion, Kultur und Wissenschaft sind eigene Kategorien.

Der größte Unterschied zwischen Europa und der islamischen Welt liegt in einem bestimmten Denkansatz. In Europa haben die Renaissance und Aufklärung zu einem Aufspaltungsprozess der Wertekategorien geführt: Recht ist Recht, Religion ist Religion, Wissenschaft ist Wissenschaft, Kultur ist Kultur. Das eine darf nicht mit dem anderen vermengt werden. Der Soziologe Niklas Luhmann hat diesbezüglich von „funktionaler Differenzierung“ gesprochen. Die Welt des Rechts ist ein anderes Denksystem mit einer anderen Logik als die Welt der Religion oder der Naturwissenschaft.

Im islamischen Kulturraum ist dagegen noch die Vorstellung weit verbreitet, dass das Recht, die Religion und die Kultur eine harmonische Einheit bilden. Daher haben 1990 die Außenminister von 45 islamischen Staaten in Kairo eine Erklärung unterzeichnet, die die internationalen Menschenrechte im Sinne der Scharia definiert. Die Scharia wird dort explizit als einzige Quelle der Menschenrechte genannt. Diese Erklärung steht im Gegensatz zur UN-Menschenrechtskonvention.

In vielen islamischen Staaten ist die Scharia die Grundlage des nationalen Rechtes. Kein mehrheitlich islamisches Land hat es geschafft, sich vollständig von der Scharia zu lösen. Auch die Bewertung aller kultureller, gesellschaftlicher und sogar wissenschaftlichen Fragen wird im religiösen Kontext gesehen. Naturwissenschaften sind in Staaten wie Saudi-Arabien oder dem Iran streng limitiert, wenn sie zu Aussagen führen, die dem Koran widersprechen. Die Evolution des Menschen im Stammbaum der Säugetiere ist dort kein Forschungsthema.

Wir denken in getrennten Kategorien

In der Kultur des Abendlandes sind Religion und Recht getrennt. Die religiöse Weltanschauung eines Menschen spielt vor Gericht keine Rolle. Das, was zählt, sind die Paragraphen. Argumentiert wird im Rahmen eines juristischen Diskurses, der sich auf das Gesetz bezieht.

In der Naturwissenschaft spielt die religiöse Weltanschauung eines Menschen ebenfalls keine Rolle. Fakt ist Fakt. Der Erkenntnisprozess des naturwissenschaftlichen Denkens ist hypothetisch-deduktiv. Das heißt: Es wird eine Hypothese aufgestellt, die durch Experimente entweder verifiziert oder falsifiziert wird.

Die Trennungen der Wertekategorien ermöglichen uns die Freiheiten im Sinne der Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit der Kunst und Freiheit der Wissenschaft. Wir sind dieses Denken in unterschiedlichen Kategorien gewöhnt. Sobald Religion und Ideologie in diese Bereiche eingreifen, sehen wir uns in unserer Freiheit eingeschränkt.

Die Trennung der Wertekategorien ist historisch gesehen neu

Historisch gesehen hat es in fast allen Zivilisationen eine Einheit aus Kultur, Recht, Gesellschaft, Kunst und Religion gegeben. Das war im alten Ägypten und Mesopotamien so, im antiken Griechenland und Rom, in China und im hinduistischen Indien, im mittelalterlichen Europa und im islamischen Orient.

Im mittelalterlichen Europa bestimmten das Christentum und die Kirche den hierarchischen Aufbau der Gesellschaft, das Rechtssystem und die Kunst. Alles andere galt als Blasphemie. Fast alle alten Universitäten Europas waren ursprünglich als theologische Fakultäten gegründet worden. Dann kamen das Recht und die Medizin hinzu. Doch das Recht stand immer noch im Schatten der Religion.

Es brauchte die Folge von Renaissance, Reformation, Gegenreformation, Aufklärung und gesellschaftlichen Revolutionen, um die einzelnen Felder zu trennen. Das war kein Schritt von heute auf morgen. Das war ein langer, schmerzhafter Prozess, der von Kriegen begleitet war. Noch heute fällt es vielen Menschen schwer, das eine vom anderen zu trennen.

In Staaten wie Indien und China ist dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen. Das indische Kastensystem ist zwar rechtlich abgeschafft, aber immer noch im Bewusstsein der Bevölkerung omnipräsent. Auch in China kann man sich schwer von der Vorstellung lösen, die Wertekategorien zu trennen. Das ideal in China ist die sogenannte harmonische Gesellschaft, in der nach der Vorstellung des Konfuzianismus alles eine in sich geschlossene Einheit bildet.

Die strikte Trennung der Kategorien von Recht, Religion, Kultur, etc. hatten die Europäer in der Zeit des Kolonialismus in alle Welt exportiert. Und noch heute stellt der Westen diese Trennung als Idealbild hin. Doch auch wenn viele Staaten diese Trennungen offiziell übernommen haben, so handelt es sich um oberflächliche Trennungen. Sie sind noch nicht im Bewusstsein vieler Menschen angekommen.

Islam ist ein ganzheitliches System

Scharia-Gerichte? Ehrenmorde? Töten Ungläubiger? Islamische Verfassungen? Glaubenskriege? All diese Erscheinungen sind Bestandteil einer ganzheitlichen Weltsicht, wie sie im Islam dominiert. Der Islam wird von den meisten Muslimen nicht nur als Religion, sondern als komplettes religiös-gesellschaftlich-kulturelles Gesamtkonzept verstanden. Individuell gelebter und geglaubter Islam, politischer Islam, gesellschaftlicher Islam – das ist alles eins. Es handelt sich um eine göttliche Ordnung.

Die Idee einer göttlichen Ordnung als archaisches Gesamtkonzept, die Welt zu verstehen, zu bewerten und zu ordnen, war bis zum Mittelalter nahezu weltweit verbreitet. In vielen traditionellen Gesellschaften sind diese Denkformen auch heute noch stark verbreitet.

Viele Menschen, die in traditionellen Gesellschaften aufgewachsen sind, haben beim Kontakt mit dem Westen ihre Schwierigkeiten damit, die Wertekategorien zu trennen. Deshalb suchen viele Muslime in Europa und in den USA immer noch die Scharia-Gerichte und Islamgelehrten auf, um rechtliche, moralische oder familiäre Streifragen zu klären.

Es dauert Generationen und bedarf einer intensiven schulischen Aufklärung, um Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund daran zu gewöhnen, dass in Europa die Wertekategorien funktional differenziert sind. Wie schwierig dies ist, zeigt sich daran, dass selbst Europäer immer wieder dazu neigen, die Kategorien zu vermischen, wenn etwa das Gedankengut einer Ideologie (z.B. Sozialismus, Kommunismus, Faschismus) auf alle Felder des gesellschaftlichen Lebens übertragen werden soll. Dogmatismus sowie autoritäre und totalitäre Denkformen sind der Tod des aufgeklärten Liberalismus unserer Gesellschaft. Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit sind ohne die Trennung der Kategorien wie Religion und Recht nicht möglich.


Quelle

Kategorien:Islam, Scharia