Islam

Islam und Jihad

Quelle – 14.02.2011

MIDEAST ISRAEL PALESTINIANS

(AP Photo/Adel Hana)

Der جهاد (Gihād, Dschihad oder Jihad) ist untrennbar mit der Historie des Islam verbunden, da er eine Konstante islamischen Denkens und Handels darstellt.

Das verdeutlichten Ende November 2008 die zeitgleichen Angriffe der laškar-e ṯaiyyiba gegen mehrere Ziele in Mumbai, wo die Attentäter in pakistanischen Trainingscamps ausgebildet worden waren. Wie in der Gegend um Mangla Dam, wo maritime Kommandotechniken gelehrt wurden. Auch wenn er, wie in diesem Fall, primär seit dem 11.09.2001 als „militanter Islamismus“ von Gruppen des hybriden Terrornetzwerkes al-Qā´ida wie der algerischen „Quaidat Al Jihad Fi Maghreb“ (al-Qā´ida im Islamischen Maghreb/AQIM) öffentliche Aufmerksamkeit erregt, liegen seine Wurzeln im 7. Jahrhundert.

Dieser Fakt wird im bisherigen „Dialog“ gerne mit der Dichotomie von Gihād Al-Akbar (großer Gihād) und Gihād as-saghir (kleiner Gihād) verschleiert, wobei ersterer angeblich im Islam dominiert. Das ist vor dem Hintergrund der islamischen Historie falsch, da der Gihād Al-Akbar als Kampf gegen seine eigenen schlechten Eigenschaften auf eine sufisch beeinflusste Neuinterpretation von Sure 4, Vers 95 des ’Alimam Al-Ghazzali (gest. 1111 n.Chr.) zurückzuführen ist.

Das grundlegende Konzept und die Legitimierung des Gihād lässt sich dagegen auf den Propheten Muhammad und seine von ihm durchgeführten magazī (Feldzüge) in den letzten zehn Jahren seines Lebens zurückverfolgen, als er den Gihād gegen den polytheistisch- mekkanischen Stamm der Banū Quraisch und den ansässigen jüdischen Stämme führte, die durch ihre Ablehnung seiner Offenbarungen die noch junge islamische Gemeinde bedrohten. Dabei wurden die Banū Qainuqā’ und Banū Nadir vertrieben und alle Männer des Stammes der Banū Quraiza 627 n.Chr. durch ein Massaker hingerichtet. Die „Al-Sîra Al-Nabawiyya“ (Prophetenbiographie) berichtet -trotz unterschiedlicher übersetzter Fassungen- ausdrücklich von diesem Massaker:

„Schließlich mussten sich die Quraiza ergeben, und der Prophet ließ sie im Gehöft der Bint Harith, einer Frau vom Stamme Nadjjar, einsperren. Sodann begab er sich zum Markt von Medina, dort, wo heute noch der Markt ist, und befahl, einige Gräben auszuheben. Als dies geschehen war, wurden die Quraiza geholt und Gruppe um Gruppe in den Gräben enthauptet“
Oder:
„Die Kinder und die Frauen wurden in die Stadt gebracht. Am nächsten Morgen wurde mit der Exekution auf dem Marktplatz begonnen. Der Prophet ließ lange, tiefe und schmale Gräben ausheben. Man holte die Männer in kleinen Gruppen, (die Meinungen gehen auseinander was die Anzahl der hingerichteten Juden anbelangt, die meisten gehen von 700 aus.) und hieß sie sich an den Graben setzen, der ihr Grab sein würde. Dann schlugen Ali und Zubayr und andere Gefährten den Verurteilten ihre Köpfe ab. Die letzten wurden bei Fackellicht hingerichtet“.

Dominierend ist im Koran der neunundzwanzig Mal erwähnte kleine „Al-Gihād fī sabīl illāh“ (Gihād auf dem Wege Allahs), der mit Niya (frommer Absicht) geführte Kampf gegen die Ungläubigen, was sowohl als Herätiker angesehene Gruppen im Islam, als auch alle Nichtmuslime umfasst. Die Kamelschlacht 656 n.Chr. markierte dabei den Beginn innerislamischer Auseinandersetzungen, die sich wie im Irak bis in die heutige Zeit ziehen.

Der Prophet Muhammad führte seit der eigentlichen Hiǧra 622 n.Chr mit dem Großteil seinen Anhänger von Mekka nach Yathrib (dem späteren Medina) die magazī, um neben der Entrichtung der Zakah (Läuterungsabgabe) durch die ghanima (Kriegsbeute) die materiellen Festigung und Versorgung der sich etablierenden islamischen Glaubens- und Kampfgemeinschaft zu sichern.

Denn die Legitimation der Al-Umma Al-Islamyyia als Daula, als politisches Staatswesen, besteht in der Sicherstellung der Ausübung von Dîn, der islamischen Glaubenspraxis, womit Religion und Politik in Gestalt eines theokratischen Herrschafts- und Gesellschaftsmodell eine untrennbare Einheit bilden im Sinne der heute noch gültigen Formel „Al-Islam Dîn wa Daula“.

Im weiteren Verlauf der islamischen Historie wurde der Gihād im unter der Herrschaft des dritten Kalifen Uthman ibn Affan lektorierten Koran eine feststehende Größe, der jeden Muslim den Kampf gegen die Ungläubigen durch die als Aya as-Sayf (Schwervers) bekannte Sure 9, Vers 5 als bleibendes Gebot bis zum jüngsten Tag auferlegt:
[9:5] Wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Polytheisten, wo immer ihr sie findet, greift sie und belagert sie und lauert ihnen auf jedem Weg auf. Wenn sie umkehren, das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, dann lasst sie ihres Weges ziehen. Gott ist voller Vergebung und barmherzig. (nach Khoury)

Der Schwervers abrogiert nach herrschender Ansicht der ’Ulema frühere mekkanische Verse, die sich wohlwollend zum Umgang mit den Juden und Christen als Angehörige einer Offenbarungs- und Buchreligion äußerten, wobei nach Ansicht mancher ’Ulema durch Sure 9, Vers 5 bis zu 124 ältere Verse außer Kraft gesetzt wurden.

Neben den Suren und Versen im Koran behandelt auch die Sunna den Gihād. Die in den Ahadith Sammlungen überlieferte Prophetentradition bieten vielfältige Aussagen zum Gihād, da alle großen Sammlungen einen Abschnitt über ihn enthalten, wobei die militärische Bedeutung Vorrang hat. Exemplarisch sind zwei Ahadith aus der Sammlung Al-Bukhârî angeführt, da sie als „Sahih“ (Authentisch) angesehen werden:
Abu Sa`id Al-Chudryy, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: „Es wurde folgende Frage gestellt: „O Gesandter Allahs, wer ist unter allen Menschen der beste?“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: „Ein Gläubiger, der unter dem Einsatz seines Lebens und Vermögens auf dem Weg Allahs den Dschihad unternimmt.“ Die Leute sagten: „Wer dann außer diesem!“ Der Prophet sagte: „Ein Gläubiger, der sich irgendwo in einer unbewohnten Gegend zwischen den Bergen aufhält, Allah fürchtet und die Menschen von seinen Schlechtigkeiten verschont!“ [Sahih al-Bukhârî Nr. 2786]

Abu Huraira berichtete: „Ich hörte den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagen: „Derjenige, der auf dem Weg Allahs den Dschihad unternimmt – und Allah kennt wohl denjenigen, der auf Seinem Weg den Dschihad unternimmt – ist demjenigen gleich, der anhaltend fastet und betet. Und Allah gibt dem Mudschahid auf Seinem Weg die Gewähr dazu, dass Er ihn entweder sterben und ins Paradies eingehen lässt oder dass Er ihn unversehrt mit einem Lohn oder mit einer Beute zurückkehren lässt.“ [Sahih Al-Bukhârî Nr. 2787]

So wurde aus dem damals auf der arabischen Halbinsel üblichen Mittel der Beutezüge zur materiellen Versorgung der tribalen Gesellschaften während der Herrschaft des Propheten, der vier rechtsgeleiteten Kalifen und späterer islamischer Dynastien der Gihād mittels Legitimierung durch Koran, Sunna und der darauf basierenden Šarīa ein expansiv-imperiales Mittel der Ausdehnung islamischer Herrschaft des Dar al-Islam auf Kosten des Dar al-Harb. Jeder islamische Herrscher musste eine genügende Anzahl von Mudschaheddin bereitstellen, die den Gihād ausübten. Man spricht hier von der Fard al-Kifâya (Pflicht der Genüge).

Wird dagegen das Dar al-Islam vom Dar al-Harb angegriffen oder besetzt, wandelt sich die Fard al-Kifâya zur Fard al-Ayn. Zur individuellen und nicht delegierbaren Pflicht jedes Muslim, islamisches Herrschaftsgebiet durch den Gihād zu verteidigen. Selbst dann, wenn kein islamischer Herrscher existiert, der den Gihād ausrufen kann.

Auch Hasan Al-Bannâ, der im März 1928 mit sechs Arbeitern der Suezkanal-Gesellschaft in Ismailiya/Ägypten die „Jama’at al-ichwān al-muslimūn fi misr“ (Muslimbruderschaft) gründete, erklärte den Gihād zur obligatorischen Fard al-Ayn und hob die Stellung des Shahîd (Blutzeugen) hervor, der als Mudschaheddin im Gihād getötet wird:
„Jihad is an obligation from Allah on every Muslim and cannot be ignored nor evaded. Allah has ascribed great importance to jihad and has made the reward of the martyrs and the fighters in His way a splendid one. Only those who have acted similarly and who have modelled themselves upon the martyrs in their performance of jihad can join them in this reward. Furthermore, Allah has specifically honoured the Mujahideen with certain exceptional qualities, both spiritual and practical, to benefit them in this world and the next. Their pure blood is a symbol of victory in this world and the mark of success and felicity in the world to come”.

Das Konzept der Fard Al-Ayn und die Kultivierung des Shahîd Mythos erlebte durch den Panislamisten, palästinensischen Muslimbruder und “Held von Afghanistan” Shaikh Abdallah Yusuf ’Azzam während des Afghanistankrieges 1979-1989 eine Renaissance, die durch seinem Schüler Usāma ibn Muhammad ibn Awad ibn Lādin (Usāma bin Laden) mit Gründung der Al-Qā´ida eine neue Form des globalen Gihād fand.

’Azzam selbst forderte während des Afghanistankrieges den Aufbau einer „Al-Qā´ida as-sulba“ (soliden Basis) aus geschulten und motivierten Mudschaheddin, wozu er im April 1988 in der Zeitschrift „al-Gihād“ aufrief. Ebenso propagierte er den Gihād gegen Israel, um „islamischen Boden“ zu befreien:
„Das Palästinenserproblem ist nur durch den Dschihad zu lösen. Der Dschihad und das Gewehr, das ist alles. Keine Verhandlung, keine Konferenz, kein Dialog“.

Dieses Konzept vertritt auch die immer stärker unter den Einfluss des Iran stehende HAMAS, der palästinensische Zweig der Muslimbruderschaft, in ihrem Gihād gegen Israel, dessen vollständige Vernichtung als Vorstufe einer globalen zweiten Shoa angestrebt wird.

Das verdeutlicht die am 18.08.1988 veröffentlichte „Charta der HAMAS“, die in Auszügen angeführt ist:

Präambel: Israel existiert und wird weiter existieren, bis der Islam es ausgelöscht hat, so wie er schon andere Länder vorher ausgelöscht hat.
Artikel 1: Die Islamische Widerstandsbewegung entnimmt ihre Richtlinien dem Islam: Auf ihn gründet sie ihr Denken, ihre Interpretationen und Vorstellungen über die Existenz, das Leben und die Menschheit. Aus ihm leitet sie ihr Verhalten ab, von ihm lässt sie sich bei allem was sie tut inspirieren.
Artikel 2: Die Islamische Widerstandsbewegung ist ein Flügel der Muslimbrüder in Palästina. Die Muslimbruderschaft ist eine weltweite Organisation und die größte islamische Bewegung der Neuzeit.

Artikel 12: Hamas betrachtet den Nationalismus als untrennbaren Teil des religiösen Glaubens. Nichts am Nationalismus ist erhabener als die Führung des Dschihad gegen den Feind, als dem Feind entgegenzutreten, wenn er seinen Fuß auf das Land der Muslime setzt. Und dies [d.h. der Dschihad] wird eine bindende individuelle Pflicht eines jeden Muslims und einer jeden Muslimin; eine Frau darf den Feind sogar ohne Einwilligung ihres Ehemanns bekämpfen und ein Sklave ohne Erlaubnis seines Herrn.

Artikel 15: Wenn unsere Feinde islamische Länder usurpieren, ist der Djihad eine bindende Pflicht für alle Muslime. Um der Eroberung Palästinas durch die Juden entgegenzutreten, gibt es keine andere Lösung, als das Banner des Djihad zu erheben.

Artikel 32: Heute ist es Palästina, und morgen könnten es andere Länder sein. Zionistische Machenschaften setzen sich nämlich endlos fort und werden sich nach Palästina gierig vom Nil bis zum Euphrat ausdehnen. Erst dann, wenn sie komplett die Gegend verdaut haben, auf die sie ihre Finger gelegt haben, werden sie zu noch mehr Expansion voranschreiten. Ihr Komplott wurde in den “Protokollen der Weisen von Zion” niedergelegt.

HAMAS verbindet religiöse Grundsätze mit der säkularen Idee des Panarabismus, bekräftigt durch ihre Charta gleichzeitig auch den vom 7. Jahrhundert bis heute aus der ahistorisch gültigen Vorbildfunktion des Propheten abgeleiteten Rang des Gihād, der aber nicht nur kriegerische Handlungen umfasst, sondern ebenso Aktivitäten wie Spendensammlungen und Propaganda für die Mudschaheddin, oder den Moscheebau als Keimzelle zur Errichtung einer Al-Umma Al-Islamiyya auf dem Gebiet des Dar Al-Harb.

Auch in Deutschland wird von Gruppen des organisierten islamischen Fundamentalismus der Gihād propagiert. So von der sunnitisch-türkischen Millî Görüş, die auf einer – inzwischen gelöschten- Internetseite eine anscheinend differenzierte Sichtweise verbreitete, deren Ende aber interpretationsoffen gehalten ist:
“Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Dschihâd keine Form der Kriegsführung, sondern eine umfassende Lebensweise ist, weshalb er nicht mit Terror und Gewalt gleichgesetzt werden kann. Denn im Gegensatz zum Krieg, also einem zwischenstaatlichen Konflikt, bei dem das Leben von Zivilisten geschützt ist, kommen bei einer terroristischen Handlung viele Zivilisten ums Leben. Den Beschluss einen Krieg zu führen, der als Dschihâd angesehen werden kann, darf ohnehin nur eine staatliche Instanz fassen. Der Widerstand gegen eine unrechtmäßige Einnahme des Landes jedoch betrifft das ganze Volk, so dass zeitweise eine vom Volk anerkannte Widerstandsbewegung die Initiative ergreifen kann. Aber auch in einer solchen Situation haben die Verbote bezüglich der Kriegführung Gültigkeit”.

Da der Gihād Bestandteil der Šaria ist, die auf Koran und Sunna aufbaut, die die Anweisungen für die bestmögliche Erfüllung der Ge- und Verbote als Nachahmung des ahistorisch vorbildhaften Verhaltens des Propheten in jedem Lebensbereich enthält, um sich der medinensischen Ur-Umma anzunähern, die als beste Gemeinschaft gilt, da sie das Rechte gebietet und das Unrechte verbietet (Sure 3, Vers 110), führen taktische und militante Islamisten weiterhin den Gihād Al-Saghir.

Nur eben mit verschiedenen Mitteln, wobei die Finalität beider Ausformungen in der Errichtung eines neuen Kalifates mit Geltung der gesamten Šaria besteht.

So gilt es genau hinzusehen, was im „Dialog“ von den islamischen Dachverbänden für Forderungen mit welchem Verständnis der islamischen Lehren gestellt werden. Ebenso gilt es den globalen Jihadismus weiter zu beobachten und zu bekämpfen, wo der schiitische Iran, trotz religiöser Antagonismen, neben HAMAS und der libanesischen Hez’b Allah mittels seiner Revolutionsgarden vermehrt Kräfte der sunnitischen Al-Qā´ida in Ländern wie dem Yemen unterstützt, wo aktuell neue Trainingscamps errichtet werden. Dadurch entwickelt sich das Land neben Afghanistan, Pakistan, Somalia, Bangladesch, Indien, Indonesien, den Maghreb, der Kaukasusregion und Zentralasien zu einem neuen Epizentrum des Gihād .

Kategorien:Islam, Jihad, Scharia