Politik

Wer den Jordan kreuzt

A bird lands on a balcony at the ancient Jewish site of Masada

REUTERS/Yannis Behrakis

Von Klemens Stenzel

Nizza, Istanbul, Würzburg…

Verglichen mit den letzten Tagen wirkt ein House Of Cards oder Game Of Thrones banal, sauber und überschaubar. Die Welt im Jahr 2016 ist es hingegen nicht mehr.

Selten hat in kurzer Zeit ein ganzer Kontinent wie Europa, seine Staaten und seine Gesellschaften so zerbrechlich gewirkt wie jetzt. Selten so unversöhnlich die politischen Lager, Risse die sich selbst durch Freundeskreise, Paare und Familien ziehen.

Und man braucht nicht lange um den heißen Brei herum zu reden, denn es ist klar worum es geht: Refugees, Islam und die politischen Folgen.

Und die größte Schuld daran tragen wir, ja wir. Aber nicht so, wie es gerne linke und rechte Kreise pauschal sehen wollen.

Der Fehler begann mit der irrigen Annahme, daß die muslimischen Arbeitskräfte aus den ehemaligen Kolonien und der Türkei Gäste wären. Man negierte sie, man separierte sie.

Danach dämmerte langsam Europa, daß diese Menschen bleiben würden und beging den nächsten Fehler, beim Islam in einer falschen Toleranz alles zu akzeptieren und die Integration jenen zu überlassen, die politische und sozialromantische Vorstellungen hegen und nicht darauf achteten, wer da z.B. predigt, lehrt und bekehrt. Zwischenzeitlich beging die gesamte westliche Welt und der Ostblock den Fehler, muslimische Kräfte blind nach strategischen und wirtschaftlichen Gutdünken hin zu mißbrauchen: Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan, westliche Aufrüstung der Taliban und Al-Qaida, die Installation und Sturz des Schah von Persien, der schizophrene Umgang mit der Baath-Partei und nicht zuletzt die Protektion und Förderung der Wahabiten mit Waffen und Ölgeschäfte. Der Westen betrieb immer ein fahrlässiges, verlogenes Spiel mit dem islamischen Raum, daß der Umgang mit Erdogan nur noch wie ein selbstverständliches, im Vergleich harmloses, logisches Handeln erscheint.

Den Preis zahlen dafür sämtliche Minderheiten im islamischen Raum, die wenigen demokratischen Kräfte, die von Bürgerkrieg betroffene Zivilbevölkerung und am Ende auch die breite Masse an integrierten Muslime in Europa, jene Refugees die allen guten Grund hatten hierher in Sicherheit zu fliehen, die vielen Helfer in unserer Bevölkerung und nicht zuletzt wir alle, die nun einem Terror sondergleichen ausgesetzt sind.

Und ein Ende ist bei weitem nicht in Sicht, da man sich medial und politisch nur zwischen Generalverdacht und -absolution des Islams und damit der einhergehenden Innen- und Außenpolitik entscheiden kann. Ein Desaster, welches z.B. in Deutschland eine AfD alle Kraft gibt, die alten Volksparteien als unfähig und die Grünen als realitätsfremd entlarvt.

Und weiter geht dieses Handeln welches es fertig bringt einen Erdogan als demokratischen Partner anzusehen, den Sturz eines Saddam zu bedauern und gleichzeitig den eines Assad zu feiern, sowie weiterhin vom Islam per se zu sprechen. Vom Islam zu sprechen anstatt sich endlich die Zeit und Mühe zu nehmen zu evaluieren, differenzieren und konstatieren, welche muslimische Richtungen und Schulen in unserer christlich geprägten, aufgeklärten und auf der Freiheit des Individuums basierenden Welt sich integerieren können und Förderung erfahren sollten, sowie welche nicht und damit aus unserer Gesellschaft verbannt und bei Widerstand bekämpft werden müssen.

Denn wer zu Recht fordert, daß es für Faschismus keinen Platz geben darf, wird damit auch Sozialismus und vor allem Islamismus leidenschaftlich angreifen müssen.

Mit Personen wie Petry, Künast, Todenhöfer, Ruprecht Polenz, Özoğuz, Mass und vor allem auch Merkel wird dies nicht gelingen.

So werden wir es gerade nicht schaffen und damit all das verspielen was uns lieb und teuer ist und sich auch all jene integrierten Muslime erhoffen, die nun hier leben: Freiheit, Sicherheit, Wohlstand und Gerechtigkeit.