Islam

Die vererbte Hasskultur

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Image by: FAYAZ AZIZ / REUTERS

Von Tharwa Boulifi

Ein 2013 veröffentlichter Bericht der Pew Umfrageforscher war betitelt mit „Die Welt der Moslems hinsichtlich Religion, Politik und Gesellschaft,“ und  ergründete bei Moslems aus aller der Welt, welche Einstellung sie über ihre Religion haben und welchen Einfluss dies auf Politik, Ethik und Wissenschaft hat.

Dazu wurden im November und Dezember 2011 1.450 tunesische Moslems aus allen 24 Verwaltungsbezirken Tunesiens befragt. Laut Studie finden 50% der Tunesier, dass sie den Widerspruch zwischen Religion und moderner Welt leben. Laut des Berichts erachten 32% der Tunesier Scheidungen als unethisch – der höchste Wert in der arabischen und muslimischen Welt – verglichen mit 8% in Ägypten, 6% im Libanon und 3% in Jordanien. Obwohl 46% der Befragten sagten, dass die Religion mit dem modernen Leben vereinbar sei, so deutet die Studie auch darauf hin, dass die tunesische Bevölkerung eher meint – insgesamt waren 89% dafür – dass das Tragen des Niqab (Gesichtsschleier) eine persönliche Entscheidung sein sollte.

Laut UN Berichten und einer Forschungsarbeit der Qulliam Stiftung von 2014 verhält es sich mit tunesischen Terroristen ganz ähnlich, da sie die größte Zahl an ausländischen Terroristen (3.000) in Syrien und dem Irak stellen. Syrische Behörden bestätigten auch, dass die Zahl der tunesischen Terroristen bei über 10.000 liegt, und das von insgesamt 48.000 Terroristen, die sich derzeit auf syrischem Boden aufhalten.

Was aber ist der Hauptgrund für Tunesiens hoher Terrorrate?

Religionen sind in der Regel zweischneidig: Sie tragen dazu bei viele soziale Probleme zu lösen und sie helfen über ihre ethischen Grundlagen dabei Schutz und Sicherheit zu gewährleisten. Von der großen Mehrheit der Menschen wird erwartet, dass sie keine Verbrechen begehen, weil sie Gott und seine Strafen fürchten. Religion kann auch einen psychologischen Schutz und Stabilität bieten, wenn jemand die Versicherung benötigt, dass etwas über sie wacht, das mit einer grenzenlosen Stärke ausgestattet ist.

Auf der anderen Seite missinterpretieren viele – manchmal absichtlich oder auch nicht – die Aufgaben der Religion und verursachen dadurch Konflikte zwischen verschiedenen Ethnien und Religionen, wie etwa der Konflikt zwischen den Juden und Moslems. Die Religion wird als Grund für die Anwendung von Gewalt, Hass und Krieg angeführt – wie es auch beim IS der Fall ist, einer salafistischen Dschihadistengruppe, die überall auf der Welt immer mehr Soldaten rektrutiert.

Die Mehrheit der Dschihadisten werden von frühester Kindheit an über Fernsehprogramme indoktriniert. Beispielsweise mit der Sendung Spacetoon, einem arabischen Kinderprogramm, bei dem es um eine fiktionale weibliche Protagonistin namens Fulla geht. Das Programm zeit Fulla als gläubige Person, die betet und ein Kopftuch trägt – ein Bild von dem viele Kinder beeinflusst werden. Die 15 jährige Y. erklärt dazu:

„Als ich kleiner war, etwa sieben oder acht Jahre, habe ich Fulla geschaut und wollte, dass meine Mutter ein Kopftuch wie sie trägt, da ich dachte, dass dies die Weise ist, wie Frauen sich kleiden sollten. Ich versuchte auch selbst mehrere Male ein Kopftuch anzuziehen und fragte meine Mutter, ob ich es tragen dürfe.“

Auch Kindergärten spielen eine wichtige Rolle beim Beeinflussen der Kinder.

„Im Kindergarten sagten uns die Lehrer immer, wie wir nach unserem Tod bestraft und in der Hölle brennen würden, wenn wir uns daneben benehmen. Ich war so verängstigt von diesen Geschichten, dass ich mir dauernd diese furchtbaren Szenen ausmalte,“ sagte T., ein 15 Jahre alter Junge.

An tunesischen Schulen gibt es verpflichtenden Religionsunterricht ab der ersten Klasse, um den Kindern die Grundlagen ihrer Religion näherzubringen.  E., ein 15 jähriges Mädchen sagte dazu:

„Ich habe bei den Religionsprüfungen am Ende des Schuljahres immer gemogelt,“ sagte

„Ich habe es nicht aus Faulheit gemacht, sondern weil wir immer nur eine Religionsstunde hatten und das mit einem Lehrer, der uns eine lange Sure vorlegte und dazu einige Zitate aus den Hadithen, die wir lernen sollten. Wir verstanden davon rein gar nichts; einige von uns haben es einfach nur auswendig gelernt und dabei nichts begriffen. Andere haben gemogelt, weil sie etwas unverständliches nicht lernen konnten. Das Problem liegt darin, dass die Schule uns keine Gelegenheit dazu gab andere Religionen kennenzulernen, da Juden und Christen für die meisten Moslems als Kuffar [Unläubige] gelten.“

Diese inhärente Hasskultur gegenüber anderen Religionen bot die Basis für extremistisches Denken und das Gefühl der Überlegenheit.

„Ich hasse Christen und Juden. Ich weis aber nicht warum. Für mich gibt es keinen Grund sie zu hassen, aber ich höre immer, wie meine Mutter schlecht über sie redet. Sie hasst sie auch und ich vermute, das ist der Grund für meinen Hass. Meine Mutter hat mir immer gesagt, Moslems seien Allahs Lieblinge,“ sagte F. ein 15 Jahre altes Mädchen.

„Nach dem Anschlag in Nizza haben einige meiner Freunde in den Sozialen Medien ihren Unmut über diejenigen ausgedrückt, die den Opfern ihr Mitgefühl ausdrückten. Sie sagten, dass Nichtmoslems den Tod verdienten; wir sollten kein Mitleid mit ihnen haben. Sie werden sowieso in der Hölle schmoren,“ sagte M. ein 16 Jahre alter Junge.

Diese extremistische Denkweise wird von der Tatsache gestützt, dass 80% der Tunesier keine Bücher lesen, wie eine Studie vom März 2015 ergab. Menschen, die nicht lesen, leben in einer emotionalen Leere: Sie neigen dazu Dinge zu fürchten, die sie nicht kennen und diese Furcht kann in Argwohn, Aggression und Hass umschlagen. Diese Menschen wollen ihre Leere füllen und ihr Unbehagen ablegen, und daher wenden sie sich dem Terrorismus zu, um ihren Leben eine Erfüllung zu geben: Die Verteidigung des Islam.

„Ich kenne diesen tunesischen Jungen, der mit seinen Eltern in Saudi Arabien lebt und der seine Ferien in Tunesien in meiner Nachbarschaft verbringt,“ sagte R. ein 14 jähriges Mädchen.

„Er war ein normaler 15 jähriger Jugendlicher und spielte Fussball mit meinem Bruder und seinen Freunden. Vor kurzem aber bemerkten sie alle, wie der Junge sich isolierte und damit begann Bücher über den Glauben und den Islam zu lesen. Eines Tages ging er dann zu meinem Bruder und seinen Freunden und sagte ihnen sie sollen aufhören mit dem Fussballspiel; es sei haram [verboten]. Bald darauf wurde er in der Nachbarschaft gesehen, wie er im Dunkeln herumlief und im Koran las.“

Da die meisten Tunesier nicht lesen schauen sie viel fern. Etwa „Hareem Al Sultan“ („Der Harem des Sultans“), eine türkische Sendung, die in Tunesien sehr beliebt ist. Die Serie dreht sich um attraktive Konkubinen, die versuchen den Sultan mit Tanzen, Singen und Unterwürfigkeit zu verführen – und kann Mädchen offenbar dazu animieren sich dem „Jihad al-nikah“ (Sexdschihad) anzuschliessen, wo sie sich den Dschihaisten sexuell anbieten. Die 15 jährige S. sagte:

„Nachdem ich Hareem Al Sultan schaute wollte ich eine der Konkubinen des Sultans zur Zeit des Osmanischen Reiches werden; ich wollte so sein wie sie,“ sagte

All diese Faktren tragen indirekt dazu bei, dass sich extremistische und terroristische Denkweisen bilden. Wir denken immer, dass wir den Terrorismus im Irak und in Syrien bekämpfen müssen. Das wahre Schlachtfeld aber ist in den Schulen, den Häusern, im Fernsehen und in den Sozialen Medien. Das sind die Orte, an denen wir extremistische Ideologien, sowie rassischen und religiösen Hass bekämpfen müssen – denn es sind auch die Orte, an denen jeder Terrorist seine Karriere beginnt.

Im Original: An Inherited Culture of Hate

Quelle

Kategorien:Islam, Kriminalität