Afrika

Denk’ ich an Afrika in der Nacht …

Out of Africa

Photograph by John Stanmeyer/National Gepgraphic

… dann bin ich um den Schlaf gebracht. Ich kann nicht mehr die Augen schließen. Und meine heißen Tränen fließen

Drei Tage reist Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober 2016 durch Afrika. Sie wirbt für Kooperation zur Vermeidung von Migration und verspricht Unterstützung bei deren Ursachenbekämpfung. „Das Wohl Afrikas liegt im deutschen Interesse“, erklärt die Kanzlerin. Sie weiß, dass nur bei mehr Stabilität, Ernährungssicherheit, Bildung und Verteilungsgerechtigkeit weniger Afrikaner ihr Heil in Europa suchen.

Von Gunnar Heinsohn

Aktuell träumen davon 400 Millionen. Doch wie weit reicht Berlins Einfluss? Schließlich haben 1,1 Billionen Dollar (in heutiger Kaufkraft) Entwicklungshilfe seit den 1960er-Jahren wenig bewirkt. Korrupte Eliten werden reicher, aber vieles verpufft an der Bevölkerungsexplosion. Als in den 1950er-Jahren die antikolonialen Kriege Schwarzafrikas beginnen, gibt es dort 250 Millionen Menschen. Heute sind es eine Milliarde Afrikaner. Wie können 80 Millionen Deutsche dort plötzlich einen „Zukunftskontinent“ (Merkel) schaffen? Gibt es noch unerprobte Ideen?

Bundeskanzlerin Merkel (im Bild beim Besuch in einer Schule in Niamey, der Hauptstadt von Niger) hat auf ihrer Afrika-Reise im Oktober 2016 mehreren Ländern Unterstützung zugesagt. Sie will das als Ursachenbekämpfung zur Eindämmung

künftiger Migrationsströme verstanden wissen. Leichter gesagt als getan; denn eine der Hauptursachen der Armut in Afrika ist ein hoher Anteil sehr junger Menschen, von denen Millionen auch unter verbesserten Bedingungen kein Auskommen finden werden.

Die europäische Bevölkerung ist im Durchschnitt doppelt so alt wie die afrikanische (siehe die Kontinent-Grafiken). Bei den absoluten Zahlen geht die Schere – bei allerdings abnehmendem Tempo – immer weiter auseinander. Mehr als die Hälfte des weltweiten Bevölkerungswachstums bis 2050 wird in Afrika stattfinden. Doch während der Kontinent zwischen 1950 und 2015 seine Einwohnerzahl mehr als verfünffacht, wird er – laut UNO-Prognosen – von 2015 bis zum Jahr 2050 nur noch eine kräftige Verdopplung erleben.

2,4 Milliarden Afrikaner soll es 2050 unter dann 9,7 Milliarden Erdenbürgern geben. In der EU (ohne Großbritannien) sollen es nur 450 Millionen sein – ein Drittel davon über 60 Jahre alt. Obwohl ein Blick über 2050 hinaus schwierig bleibt, sieht die UNO für das Jahr 2100 die Hälfte aller Menschenkinder unter fünf Jahren in Afrika, während es 1950 nicht einmal zehn Prozent sind. In jedem Fall bleibt der Schwarze Kontinent auf viele Jahrzehnte hinaus im Fokus globaler Sorgen. Wenn Ostasien – ungeachtet noch geringerer Geburtenzahlen als in der westlichen Welt – weiterhin ethnozentrisch operiert, Einbürgerungen also ungemein schwer macht, bleibt das schrumpfvergreisende Europa für umzugswillige Afrikaner das erste Reiseziel.

Aufgrund seiner Öl- und Gasvorkommen gibt es für den arabischen Norden des Kontinents mehr Zuversicht. Doch seine Potenziale kommen ebenfalls nur suboptimal zum Zuge. Dabei hat man fast überall wohl formulierte Gesetze für die Grundbedingung des Wirtschaftens – also Eigentum für die Besicherung von Geld durch die Notenbanken sowie für die Verpfändung im Kredit durch möglichst viele Verschuldungsfähige. Die Willkürmittel fürstlicher und weltlicher Diktatoren jedoch unterbinden immer wieder den ökonomischen Segen rechtsverbindlicher Kontrakte. Auch vielen Aufständischen geht es eher um die Eroberung von Pfründen als um die Sicherung der Eigentumsoperationen. Das gerade auch daraus resultierende Ausbleiben neuer Firmen und Arbeitsplätze illustriert schlagend die Zahl der Erfindungen des gesamtarabischen Raums zwischen Hohem Atlas und Persischem Golf. 2015 akzeptiert das US-Patentamt nur 70 Erfindungen aus einer arabischen Gesamtbevölkerung von rund 370 Millionen Menschen. Im selben Jahr aber entfallen 3804 Patente auf Israel mit seiner Bevölkerung von 8 Millionen.

Die „Arab Labour Organization“ prognostiziert bereits 2012 für das Jahr 2020 einen Neubedarf an 105 Millionen Arbeitsplätzen. Damit soll die bestehende Unterbeschäftigung gemildert, vor allem aber der Zusatzbedarf für die nachrückende Jugend gedeckt werden. Die seit 2011 durch Krieg und Terror – vor allem in der Tourismusbranche – verlorenen Arbeitsplätze sind dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Den Bedarf bestimmt auch hier vorrangig die Bevölkerungsdynamik: Zwischen Marokko und Ägypten springt man von 45 Millionen Einwohnern im Jahre 1950 auf 180 Millionen heute. Da es im Jahr 2050 fast 250 Millionen sein sollen, bleiben Rebellion und Emigration die gebotenen Optionen. Doch Europa benötigt fast ausschließlich Hochqualifizierte, während bei den internationalen Schülervergleichen arabische Kinder nicht nur weit unter dem ostasiatischen, sondern selbst unter dem westeuropäischen Durchschnitt landen.

Diesen verheerenden Qualifikationsrückstand offenbaren aktuell die Erfahrungen der deutschen Wirtschaft mit den Migranten des Jahres 2015. Trotz unstrittiger Bereitwilligkeit, Leute einzustellen, finden die DAX-30-Konzerne bis Mitte 2016 nur 54 geeignete Kräfte. Der öffentliche Dienst, der immerhin ohne Angst vor Einbußen bei der internationalen Konkurrenzfähigkeit einstellen könnte, und das ja auch will, bringt im selben Zeitraum sogar nur 5 qualifizierte Migranten unter.

Wenn die nach Europa Drängenden dort nicht benötigt werden, müssen sie daheim den Lebenskampf ausfechten. Der richtet sich vorrangig gegen heimische Eliten und Minderheiten, die für ihre vermeintliche Abkehr von der wahren Religion unter dem Vorwand hehrster Frömmigkeit angegriffen werden. Wenn drei oder vier Jünglinge um die Position eines in Rente gehenden Alten konkurrieren, kommt es schnell zum Töten für das Erreichen des Gleichgewichts zwischen Ambitionen und Positionen. Da die meisten Jungen aber die Auswanderung dem Bürgerkrieg vorziehen, kann der Druck auf Europa nur wachsen. Während im gesamtarabischen Raum heute weniger als 400 Millionen Menschen keinen Frieden finden, könnte es 2050 mit über 600 Millionen noch ungleich heftiger zugehen. Bei den von Gallup für 2009 ermittelten Auswanderungswünschen wollen schon heute knapp 100 Millionen und 2050 über 150 Millionen Araber über das Mittelmeer nach Norden entkommen.

So weit, so unbefriedigend – aber dennoch vergleichsweise rosig gegenüber der Situation im Subsahara-Raum, wo die Eigentumsstruktur bis heute besonders schwach ausgeprägt ist. Eine Bevölkerung von derzeit einer Milliarde Menschen exportiert 2014 nur Waren für rund 150 Milliarden US-Dollar – vor allem Erdöl, Diamanten, Gold, Kupfer und Eisen. Allein 85 Milliarden Dollar davon entfallen auf Südafrika. Rechnet man es heraus, schaffen die verbleibenden 940 Millionen Afrikaner Exporte von knapp 70 Milliarden Dollar. Damit rangieren sie beispielsweise hinter den 74 Milliarden Dollar, für die im selben Jahr 5,4 Millionen Slowaken Waren exportieren. Der Pro-Kopf-Vorsprung des Kleinstaats, der erst seit 1990 über Eigentumsstrukturen verfügt, erreicht damit den nahezu astronomischen Faktor 180.

Zwar schrumpft die Gruppe der absolut Armen, nicht jedoch in Afrika. Die Weltbank zählt dazu alle, die pro Tag weniger als 1,90 Kaufkraft-Dollar zur Verfügung haben. Im Subsahara-Raum springt ihre Zahl zwischen 1990 und 2011 von 280 Millionen auf 390 Millionen. In einer Zeit, in der bereits mehr Menschen an den Folgen von Übergewicht als an Hunger sterben, ist das ein alarmierender Rückstands-Indikator. Zugleich sind 65 Prozent der Menschen in Schwarzafrika ohne Bankkonto. 600 Millionen leben ohne sauberes Trinkwasser oder zuverlässige Stromversorgung. Selbst die Urbanisierung bleibt ohne den erwarteten Fortschrittseffekt.

Noch 1950 gibt es im Subsahara-Raum keine Millionenstadt. Heute sind es fünfzig Millionenstädte, wobei Lagos und Kinshasa über 10 Millionen Einwohner haben. Allerdings zählt die UNESCO bereits 2012 rund 200 Millionen Slum-Bewohner in Afrikas Ballungsräumen. Sie wollen nicht dorthin, weil Industrien aufblühten und die Landwirtschaft wegen höherer Produktivität weniger Leute bräuchte. Zum Motor der Landflucht wird vielmehr die verzweifelte und zumeist vergebliche Hoffnung, in den Städten etwas weniger arm zu sein. Diese Zahlen machen verständlich, warum 38 Prozent aller Schwarzafrikaner einfach weg wollen. Statt „nur“ 400 Millionen heute ständen 2050 knapp 900 Millionen für den Umzug nach Europa bereit.

Natürlich würde man Afrikas Probleme gerne vor Ort gelöst sehen. Doch wer soll das leisten? 2015 zählt Gesamtafrikas Nachwuchs unter 18 Jahren 540 Millionen Kinder und Jugendliche, während Europa bis zum Ural nur 140 Millionen Gleichaltrige aufbietet. 2050 wird es um 1000 Millionen im Vergleich zu 130 Millionen gehen. 40 bis 60 Prozent der afrikanischen Kinder – so das Medizinjournal The Lancet 2007 – bleiben dauerhaft unter ihren Möglichkeiten. Bei der Schülermathematik-Olympiade (TIMSS 2012) gewinnt die Ex-Kolonie Südkorea mit 613 Punkten, während die 331 Punkte der Ex-Kolonie Ghana zeigen, wie viele Schularbeiten noch zu machen sind. Ugandas Twaweza-Institut ermittelt 2016, dass nur 13 Prozent der Drittklässler die Matheanforderungen für Zweitklässler erfüllen. Wie soll da ein junger Europäer heute 4 und 2050 sogar 8 gleichaltrige Afrikaner für den Weltmarkt fit machen, daneben die Rentner und Hilflosen daheim versorgen und auch noch die hiesige Wirtschaft in der Weltspitze halten?

Bis man sich um Smartphones aus Accra oder Roboter aus Lagos reißt, hat Afrika einen schweren Weg vor sich. Wenn die 18 Millionen in Völkermorden und Kriegen seit der Befreiung Getöteten ein Licht auf Afrikas Zukunft werfen, wären selbst zehn Friedensnobelpreise zu wenig für das Zeigen eines unblutigen Weges. Wer wollte da das Drängen nach Europa verübeln, wo man auch dann menschenwürdig bezahlt wird, wenn man Arbeit nicht findet? Muss man im Gegenzug aber nicht auch den Bürgern Europas die Frage erlauben, wie ein alternder Kontinent das alles schaffen soll?

Vor einem Vierteljahrhundert singt Leonard Cohen (1934-2016) „I‘ve seen the future, brother, it is murder“ und behält damit Recht. Man könnte auch auf Heinrich Heines (1797-1856) „Nachtgedanken“ von 1844 verfallen, wenn man für sein Heimatland Afrika setzt. Und doch könnten selbst diese Verse der Wirklichkeit von übermorgen nicht gewachsen sein:

Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen.
Und meine heißen Tränen fließen.


Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn ist Soziologe, Pädagoge und Ökonom. An der Universität Bremen gründete er 1993 das „Raphael-Lemkin-Institut für Xenophobie- und Genozidforschung“ als Europas erste Einrichtung für vergleichende Völkermordanalyse. Er lehrt Kriegsdemographie am NATO Defense College (NDC) in Rom. Für den HAUPTSTADTBRIEF macht er sich Gedanken über die Ursachenbekämpfung von Armut in Afrika.


Quelle: http://www.derhauptstadtbrief.de/cms/118-der-hauptstadtbrief-139/1191-denk-ich-an-afrika-in-der-nacht

Kategorien:Afrika, Politik